„Tannhäuser“: Vom Edel-Bordell in die totale Sterilität

Richard Wagner, Tannhäuser, Regie Daniel Karasek  Theater Kiel, 18. Oktober 2026

Tanzensemble | Michael Müller-Kasztelan (Tannhäuser) © Olaf Struck

Daniel Karasek inszeniert Wagners Tannhäuser am Theater Kiel als Spagat zwischen einem modernen Edel-Bordell und der totalitären Sterilität der Wartburg. Musikalisch überzeugt der Abend durch ein feinfühliges Philharmonisches Orchester unter Hendrik Vestmann und einen kraftvollen Michael Müller-Kasztelan in der Titelfigur.

Tannhäuser und der Sängerkrieg auf Wartburg
Romantische Oper in drei Akten von Richard Wagner

Regie:  Daniel Karasek
Musikalische Leitung:  Hendrik Vestmann
Choreografie:  Alexander Abdukarimov
Bühne:  Raimund Bauer
Kostüme:  Claudia Spielmann
Choreinstudierung:  Gerald Krammer

Hermann Landgraf:  Ks. Jörg Sabrowski
Tannhäuser:  Michael Müller-Kasztelan
Wolfram:  Samuel Chan
Biterolf:  Matteo Maria Ferretti
Walther von der Vogelweide:  David Heimbucher
Heinrich der Schreiber:  Konrad Furian
Reinmar von Zweter:  Oleksandr Kharlamov
Elisabeth:  Agnieszka Hauzer
Venus:  Tatia Jibladze
Junger Hirt:  Xenia Cumento

Theater Kiel, 18. Oktober 2026

von Marc Rohde

Daniel Karasek bringt Richard Wagners Tannhäuser am Theater Kiel auf die Bühne. Er wählt einen traditionellen Ansatz, den er leicht modernisiert. Zur Premiere gab es noch vereinzelte Buhrufe, doch in der vierten Aufführung hat sich das Publikum beruhigt. Karasek liefert eine schlüssige Interpretation.

Seine Regie fordert zum Nachdenken heraus, lässt den Sängern aber vor allem Raum für ihre Musik. Schon vor der Ouvertüre leuchtet der Schriftzug „Ich will alles“ in Neonlettern auf der Bühne. Dieser Satz zieht mich sofort in das Geschehen und verbindet Wagners Werk mit meinen eigenen Wünschen. Die Schrift symbolisiert gleichsam Tannhäusers Verlangen: Sie steht für sexuelle Grenzenlosigkeit und für die Sehnsucht nach Erfüllung in einer Konsumgesellschaft, die trotz ihres Überflusses einen Mangel hinterlässt. Ein Bordell als Sündenpfuhl; Raimund Bauer entwirft einen imposanten Venusberg. Das Bühnenbild fährt aus dem Unterboden herauf und verwandelt sich in ein zeitgenössisches Bordell. Der Raum wirkt wie ein teures Etablissement, weit luxuriöser als die spartanischen Häuser am nahen Kieler Hafen. Hier herrscht keine mythische Götterwelt, sondern ein konkreter Raum moderner Sexualität.

Die Regie zeigt Tannhäuser bisexuell und neugierig; er nähert sich auch anderen Männern an. Alexander Abdukarimov choreographiert dazu eine völlig entromantisierte Bewegungssprache. Die Tänzer agieren distanziert und professionell, wie man es in Table-Dance-Bars erwarten würde.

Tanzensemble | Michael Müller-Kasztelan (Tannhäuser) | Tatia Jibladze (Venus) © Olaf Struck

Am Ende des ersten Aktes versinkt das Etablissement im Boden; womöglich ein Sturz in die Hölle. Zurück bleibt Tannhäuser auf einer asketisch leeren Bühne, die das freie Tal bei der Wartburg darstellt. Sterile Gesellschaft und alpine Ironie Im zweiten Aufzug bricht die Optik radikal. Die berühmte Sängerhalle erinnert an einen monumentalen, streng holzvertäfelten Kinosaal. Der Raum atmet eine bedrohliche, fast faschistoide Sterilität.

Michael Müller-Kasztelan (Tannhäuser) © Olaf Struck

Symmetrie und Geometrie verbildlichen eine uniformierte, reaktionäre Gesellschaft, die Individualität unterdrückt. Wenn Tannhäuser hier seine Hymne an die Venus anstimmt, prallt sein Plädoyer für die freie Liebe visuell und moralisch mit voller Wucht gegen die unerbittlichen Holzwände. Im dritten Akt blickt das Publikum auf denselben, nun fast verfallenen Raum. Die Rückwand gibt den Blick auf ein Alpenpanorama frei. Diese Kulisse strahlt jedoch keine Erlösung aus, sondern wirkt bedrohlich. Sie bricht die romantischen Ideale Wagners auf ironische Weise.

Tatia Jibladze (Venus) | Michael Müller-Kasztelan (Tannhäuser) © Olaf Struck
Sinnliche Bacchanale im Orchestergraben

Hendrik Vestmann leitet das Philharmonische Orchester Kiel umsichtig und erdet den Beginn der Ouvertüre. Im Mittelteil musizieren die Musiker wunderbar tänzelnd und führen das Spiel organisch zur sinnlichen Bacchanale. Das Orchester agiert den ganzen Abend über so gut wie fehlerfrei und trägt die Stimmen vorbildlich, ohne sie jemals zuzudecken.

Gerold Krammer
führt den Opernchor des Theaters Kiel zu einer guten Gesamtleistung. Der Herrenchor singt in den ersten zwei Aufzügen noch etwas blass, gewinnt im dritten Akt aber deutlich an Präsenz und klanglicher Dichte. Gemeinsam mit dem Damenchor entsteht ein rundes Klangbild.

Ensemble © Olaf Struck
Großartige Stimmen tragen den Abend

Michael Müller-Kasztelan bewältigt die mörderische Titelpartie souverän. Er beweist feines Gespür im Venusberg und gestaltet die Rolle mühelos bis zur letzten Note. Auch die berührende Romerzählung singt er kraftvoll, ohne seine Stimme ungesund zu forcieren. Zudem artikuliert er extrem deutlich und stellt die innere Zerrissenheit des Helden glaubhaft dar.

Konrad Furian (Heinrich der Schreiber) | Matteo Maria Ferretti (Biterolf) | Agnieszka Hauzer (Elisabeth) | Oleksandr Kharlamov (Reinmar von Zweter) | Michael Müller-Kasztelan (Tannhäuser) | David Heimbucher (Walther von der Vogelweide) | Ks. Jörg Sabrowski (Hermann Landgraf) © Olaf Struck

Tatia Jibladze gibt eine enorm präsente Venus. Ihr dunkler, voluminöser Gesang verleiht den dramatischen Ausbrüchen die nötige Wucht, auch wenn die Textverständlichkeit deutlich leidet.

Einen charmanten Kontrast bietet Xenia Cumento als junger Hirt im Schulmädchenlook. Ihr glockenklarer Sopran und ihre hervorragende Diktion holen die Naturidylle unmittelbar in die Gegenwart.

Agnieszka Hauzer fügt sich optisch nahtlos in die sterile Wartburg-Welt. Sie wirkt zunächst bieder, verzückt akustisch jedoch vollkommen. Ihre Hallenarie bricht mit jugendlich-dramatischer Leuchtkraft durch den kalten Raum.

Agnieszka Hauzer (Elisabeth) | Michael Müller-Kasztelan (Tannhäuser) © Olaf Struck

Ks. Jörg Sabrowski verleiht dem Landgrafen ein klares Profil, wenngleich ich mir etwas mehr vokale Fülle erhofft hätte.

Samuel Chan gestaltet den Wolfram mit spürbarer Wärme und edler Linienführung. Sein „Lied an den Abendstern“ berührt so leise und intensiv, dass der große Opernraum die Intimität eines Liederabends annimmt.

Matteo Maria Ferretti (Biterolf), David Heimbucher (Walther von der Vogelweide), Konrad Furian (Heinrich der Schreiber) und Oleksandr Kharlamov (Reinmar von Zweter) ergänzen das höfische Ensemble verlässlich.

Marc Rohde, 19. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at

 

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