Die Meistersinger von Nürnberg. Daniel Frank (Walther von Stolzing), (vorne) Anke Krabbe (Eva), Martin Gantner (Hans Sachs) © Sandra Then
PREMIERE +++ Meistersinger von Nürnberg +++ Opernhaus Düsseldorf, 17. Oktober 2026
Wer eine Aufführung der Meistersinger von Nürnberg besucht, erwartet im Gegensatz zu den anderen Werken Wagners eher leichte Kost. Der Tod wütet hier nicht. Vielmehr verbreitet die Oper Zuversicht und erinnert an die reiche deutsche Kulturlandschaft, auf deren Boden doch auch Erfreuliches gedeihen kann. Gewiss, ihre Aufführungsgeschichte ist problematisch. Doch ändert dies nichts an der hoffnungsvollen Botschaft, dass selbst eine verkrustete Gesellschaft durch das Zusammenwirken von Figuren wie Stolzing und Sachs zum Positiven hin wandelbar ist.
Richard Wagner Die Meistersinger von Nürnberg
Oper in drei Aufzügen, Libretto vom Komponisten
Chorleitung Albert Horne
Chor der Deutschen Oper am Rhein
Deutsche Oper am Rhein, Opernhaus Düsseldorf, 17. Oktober 2026
von Arnold Hütten
An der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf feierte am 17. Oktober 2026 eine Neuproduktion der Meistersinger von Nürnberg Premiere. Corona und zuletzt bauliche Mängel am Opernhaus hatten eine frühere Aufführung verhindert. Regisseur Daniel Kramer konfrontiert das Publikum allerdings mit schwerer Kost. Eine im Original noch recht harmlose Prügelei artet in Mord und Totschlag aus. Am Ende des dritten Aufzuges sinkt gar das gesamte Bühnenpersonal leblos in sich zusammen. Starker Tobak für ein Publikum, das gewöhnlich einen Schluss in kollektiver Ausgelassenheit erwartet.

Zu den ersten Klängen des Vorspiels erscheint eine majestätische Alpenlandschaft mit einem vorgelagerten See. Doch schon ziehen schwarze Silhouetten rückwärts über die Bühne. Die Idylle bekommt erste Risse. Der erste Aufzug spielt in einem Herrenhaus des 19. Jahrhunderts. Zwischen beschaulichen Landschaftsgemälden prangt über dem Kamin Francisco de Goyas „Saturn verschlingt seinen Sohn“. Der Titan verschlingt sein Kind, um die eigene Entmachtung zu verhindern. Steht Saturn hier für eine Kultur, die ihren eigenen Nachwuchs verschlingt? Ein Bücherregal kracht zusammen. Auf vier Flatscreens laufen derweil Szenen eines Fußballspiels zweier deutscher Nationalmannschaften auf völlig versumpftem Platz. Horrorgrätschen inklusive. Während Kothner die Tabulatur erläutert, erscheint die Aufstellung einer deutschen Meistermannschaft aus Komponisten. Richard Wagner hütet mit der Rückennummer 1 das Tor.

Der zweite Aufzug führt in den Nürnberger Hauptbahnhof des Jahres 2035. Die blaue Anzeigetafel kündet von immer neuen Verspätungen und Zugausfällen. Schließlich fährt überhaupt kein Zug mehr. Sachs kommentiert treffend: „Ich fühl’s – und kann’s nicht versteh’n“. In der Bahnhofshalle stehen sich die Pogner-Bank, deren Inhaber seine Tochter Eva als Jackpot auslobt, und Sachs’ Schuhreparaturservice gegenüber. Die Bank wirbt bei den geplagten Reisenden für Autokredite. Was als Satire auf den deutschen Bahnalltag beginnen mag, endet in tödlicher Gewalt. Ein von David angeführter Mob fällt über Reisende her und tötet zwei Frauen mit Kopftuch sowie einen Bettler. Schwer ausgerüstete Polizisten besichtigen anschließend in aller Ruhe den Schauplatz der Schlacht. Beklemmende Stille im Publikum. Einige Buhrufe mischen sich unter den Applaus.

Im dritten Aufzug verwandelt sich die Festwiese in eine kahle Fläche, auf die grün uniformierte Soldaten marschieren. Die Meister tragen militärische Ränge. Von der gewohnten Heiterkeit des Schlussbildes keine Spur. Kramers Inszenierung will weniger unterhalten als aufrütteln. Sie entwirft die düstere Vision eines Deutschlands, das sich in eine alles andere als begrüßenswerte Richtung entwickelt hat, ohne die Schatten seiner Vergangenheit auszublenden. Vielleicht lassen sich die Buhrufe sogar als eine besondere Form der Zustimmung verstehen, als Ausdruck der Ablehnung einer solchen Entwicklung.
Musikalisch verläuft der Abend dagegen äußerst erfreulich. Martin Gantner, der sein Rollendebüt als Sachs in diesem Frühjahr in Stuttgart gegeben hat, überzeugt als nachdenklicher Hans Sachs mit resignativen Zügen. Sein angenehm warmer Bariton passt hervorragend zu dieser Interpretation. Angesichts der enormen Anforderungen der Partie und seiner bis zuletzt ausgezeichneten Textverständlichkeit fällt kaum ins Gewicht, dass die Schlussansprache einen Tick kräftiger hätte ausfallen können. Ohnehin war die Inszenierung hier schon äußerst kräftig.

Daniel Frank gestaltet seinen Stolzing eher einfühlsam und zart. Zwar verfolgt er sein Ziel mit Bestimmtheit, jedoch nicht aggressiv-zupackend und mit hochgekrempelten Ärmeln. Wie lästig ihm das umständliche Prozedere erscheint, das er durchlaufen muss, um Eva zu gewinnen, vermittelt er äußerst glaubhaft. Sein ausdrucksvoller Tenor unterstreicht sowohl die Entschlossenheit als auch die Empfindsamkeit des jungen Ritters.

Anke Krabbe aus dem Ensemble der Deutschen Oper am Rhein gestaltet ihre Eva mit einem hellen, klaren und zugleich kraftvollen Sopran, der der Figur jugendliche Frische verleiht.
Christoph Pohl zeichnet mit stimmlicher Prägnanz und darstellerischem Feingefühl einen von Eitelkeit geprägten Beckmesser. Besondere Freude bereitet David Fischer als David, der mit seinem kraftvollen Tenor und sprühender Spielfreude zu den gesanglichen Höhepunkten des Abends zählt.
Der zunächst nur als schwarze Silhouette erkennbare Chor lässt den Eingangschoral mit beeindruckender Bestimmtheit und Präzision erklingen. Mit geradezu brachialer Kraft erschallt schließlich der Schlussgesang, nachdem Sachs das Volk beschworen hat, die deutsche Kunst und ihre Meister zu ehren, um Volk und Reich vor dem Zerfall zu bewahren. Doch statt in einen triumphalen Schluss zu münden, bricht zunächst Sachs erschöpft zusammen, bevor auch der gesamte Chor leblos zu Boden sinkt. Diese Meistersinger werden großartig, jedoch nicht feierlich beschlossen.
Christoph Gedschold leitet die Düsseldorfer Symphoniker mit beeindruckendem Feingefühl und lässt insbesondere die Vorspiele zum ersten und dritten Aufzug beinahe kammermusikalisch erklingen. Diese Meistersinger hinterlassen viele Fragezeichen. Musikalisch aber bereiten sie vor allem eines: Genuss.
Arnold Hütten, 19. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at
Alexander Zemlinsky, Der Kreidekreis Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf, 27. Dezember 2024
Lieber Herr Hütten, man kann nicht immer alle Beteiligten in einer Rezension erwähnen, dafür habe ich vollkommenes Verständnis. Aber nun ausgerechnet bei den „Meistersingern“ den Chor völlig unter den Tisch fallen zu lassen – dazu gehört schon einiges …
Sibylle Eichhorn
Liebe Frau Eichhorn,
vielen Dank für Ihren Hinweis. Wir haben einen soliden Absatz über den Meistersinger-Chor ergänzt.
Herzlich grüßt
Andreas Schmidt, Herausgeber