Starkes Musiktheater: Ein großartiger „Holländer“ begeistert im Theater an der Wien

Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Inszenierung Philipp Stölzl  MusikTheater an der Wien, 17. Oktober 2026

PREMIERE +++++ PREMIERE +++++ DER FLIEGENDE HOLLÄNDER+++
MUSIKTHEATER AN DER WIEN, 17. OKTOBER 2026

Fotos © Matthias Baus

Im MusikTheater an der Wien wurde Wagners prägendes Erlebnis grandios auf die Bühne und in den Orchestergraben gebracht – die intellektuell anspruchsvolle und zugleich spukhaft plastische Inszenierung Philipp Stölzls begeisterte das Wiener Premierenpublikum.

Richard Wagner   Der fliegende Holländer

Musikalische Leitung:  Robert Jindra

Inszenierung und Licht:  Philipp Stölzl
Szenische Neueinstudierung:  Philipp Stölzl

Daland:  Wilhelm Schwinghammer
Senta:  Ambur Braid                                                                                                                    Erik:  Cameron Becker
Mary:  Ieva Prudnikovaitė
Der Steuermann Dalands:  James Ley
Der Holländer:  Jordan Shanahan

Wiener Symphoniker

Arnold Schoenberg Chor (Leitung:  Erwin Ortner)
Statisterie des MusikTheaters an der Wien

Koproduktion mit der Staatsoper Unter den Linden, Berlin Originalproduktion des Theaters Basel (Premiere in Basel 8. Jänner 2009)

MusikTheater an der Wien, 17. Oktober 2026

von Dr. Charles E. Ritterband

Richard Wagner soll die Inspiration zum „Holländer“ während einer fürchterlich stürmischen Überfahrt nach London im Jahr 1839 an der norwegischen Küste erfahren und zugleich so einiges über Seemannsbräuche gehört haben.

Stölzl wählte für seine Inszenierung eine ebenso eigenwillige wie intellektuell herausfordernde Herangehensweise: die bekannte Handlung spielte sich doppelt ab, denn die unverkennbar autistische Senta (als stumm agierende Figur) flüchtete sich – offenkundig Opfer eines egoistisch agierenden, sie für dessen „Schätze“ an den Holländer verschachernden Vaters – nicht wie sonst üblich in das Bild des spukhaften Seemanns, sondern verlor sich in der Parallelwelt eines dicken Buches, das offensichtlich die Geschichte des „Holländers“ schilderte.

Foto © Matthias Baus

Zugleich gab es die „andere“  Senta, die zu singen hatte und in der Spukwelt des “Holländers“ agierte. Dass nun aber der geisterhafte Seemann ein stummes Pendant in Gestalt eines wohlgenährten und -gekleideten Bürgers hatte, der in der Bibliothek von Sentas Vater herumlümmelte und unerklärlicherweise Sentas Zuneigung erwarb – das war nun ganz entschieden ein Schritt zu viel in diesem Regiekonzept und entbehrlich, ja geradezu peinlich.

Foto © Matthias Baus

Die Wiener Symphoniker unter der souveränen Stabführung von Robert Jindra verliehen dem Raum dieses historischen Opernhauses eine  überwältigende Klangfülle in authentischer musikalischer Tradition Richard Wagners.

Die kanadische Sopranistin Ambur Braid gab die Senta als vollendete, dramatische Wagner-Interpretin mit großartiger Stimmstärke und überragender Leuchtkraft, bisweilen mit Vibrato.

Foto © Matthias Baus

Der „Holländer“ des hawaiianischen Baritons Jordan Shanahan dominierte mit einer gewaltigen Stimmkraft , welche nicht nur glaubhaft Fluten und Meere beherrschte, sondern auch den üppigen Saal des Theaters an der Wien vereinnahmte. Dunkel und geheimnisvoll verkörperte er die Spukgestalt, während seine Mannschaft allzu stark an „Fluch der Karibik“ erinnerte.

Foto © Matthias Baus

Der Erik des Cameron Becker bot gesanglich prägnant eine überzeugende Kontrastfigur zum „Holländer“.

Dr. Charles E. Ritterband, 17. Oktober 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at

Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Oksana Lyniv Bayreuther Festspiele, 29. Juli 2026

Meine Lieblingsoper (45): „Der Fliegende Holländer“ von Richard Wagner

Richard Wagner, Der fliegende Holländer Staatsoper Unter den Linden Berlin, 3. Juni 2023

Richard Wagner „Der fliegende Holländer“ Oper Köln, 21. April 2023

Ein Kommentar zu „Richard Wagner, Der fliegende Holländer, Inszenierung Philipp Stölzl
MusikTheater an der Wien, 17. Oktober 2026“

  1. Am 14.10. konnte ich im Theater an der Wien die Generalprobe der Stölzl-Produktion vom fliegenden Holländer erleben. Zu den sängerischen Leistungen am Premierenabend kann ich natürlich nichts sagen, allerdings möchte ich der Kritik von Dr. Ritterband in Bezug auf die Inszenierung widersprechen. „Unverkennbar autistisch“ war die Senta keinesfalls, warum auch? Weil sie nachts in die Bibliothek geht und sich heimlich in der Erzählung vom fliegenden Holländer festliest? Oder weil sie sich angesichts des abstoßenden alten Kerls, den ihr geldgieriger Vater als Ehemann präsentiert, erst recht mit aller Leidenschaft in des Holländers Geschichte hineinträumt? Gerade das Auftreten dieses Unsympathen provoziert doch Sentas Flucht in ihre Phantasiewelt und gibt den entscheidenden Twist in dieser Inszenierung. Diese Flucht vor der grässlichen Realität tut sich in der zweiten Ebene auf, das große Bild im Hintergrund öffnet sich und gibt den Blick auf den Bug des Holländerschiffes und den Angebeteten frei. Selten erschienen Sentas Worte „Versank ich jetzt in wunderbares Träumen? Was ich erblicke, ist’s ein Wahn?“ so logisch und konsequent umgesetzt.
    Dass sich der reale Ehekandidat „unerklärlicherweise Sentas Zuneigung erwarb“ ist schlichtweg falsch beobachtet. Die Liebe und Zuneigung gilt einzig dem Fremden, was sich auch ganz deutlich in der zweiten Ebene während der großen Szene Senta-Holländer zeigt. Die andere, stumme Senta agiert dort mit ihm, die Sängerin davor parallel in gleicher Art, nur eben ohne Partner. Während die zur Hochzeitsgesellschaft mutierten Steuermänner und ihre Frauen den berühmten Chor singen, erscheint eine vollkommen verzweifelte, bereits deutlich schwankende Senta mit Sektflasche am Hals, bevor sie schließlich ihren frisch Angetrauten umbringt. Zuneigung und junges Glück sieht irgendwie anders aus.
    Insgesamt begeisterte die Inszenierung durch kluge Klarheit und Verständlichkeit, durch phantastische Bilder, eine ausgezeichnete Personenregie und, für die Generalprobe gesprochen, großartige Sänger. Der Jubel des überwiegend jungen, hochkonzentrierten Publikums an dem Abend war nach 2,5 Stunden Handyklingel-freier und gespannter Stille (jawohl, das ist möglich!!) mehr als begeistert. Und ja, das lag vermutlich, auch ein bisschen an den „Pirates of the Caribbean“-Momenten …

    Dr. Regina Ströbl

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