Foto: Traumstoff (c) Michael Rathmann
Auf den Spuren Shakespeares begeben sich Matthias Brandt und drei weitere Stars ihres jeweiligen Fachs in Neuss auf eine musikalisch-literarische Reise.
Neuss, Globe Theatre, 24. September 2026
Matthias Brandt, Sprecher
Andreas Scholl, Countertenor
Dorothee Oberlinger, Blockflöten
Edin Karamazov, Laute
Sonette und Monologe von William Shakespeare sowie Werke von Henry Purcell, John Dowland, J. S. Bach, Antonio Vivaldi, Robert Johnson und Imogen Holst (u.a.); Improvisationen, Instrumentalmusik, Lautenlieder.
von Brian Cooper
Das Festival Alte Musik Knechtsteden bespielt nicht nur die Klosterbasilika im Dormagener Stadtteil Knechtsteden, sondern an diesem Abend auch das nach drei Jahren Umbauzeit wiedereröffnete Globe Theatre im benachbarten Neuss, einen kleineren Nachbau des elisabethanischen Theaters in London, welches wiederum eine Rekonstruktion des ursprünglichen Shakespeare-Theaters von 1599 ist.
Das Areal rund um das etwa 500 Menschen fassende Neusser Theater wurde im Zuge der Landesgartenschau, die noch bis zum kommenden Monat geht, neu gestaltet. Man spürt sogleich: Die ehemalige Pferderennbahn ist ein besonderer Ort.
An diesem mit „Globe Baroque: Traumstoff“ betitelten Abend standen vier Superstars ihres jeweiligen Fachs auf der Bühne. Matthias Brandt konnte als Sprecher gewonnen werden; es musizierten Andreas Scholl, der seit über 30 Jahren als Countertenor Erfolge feiert, die virtuose Blockflötistin Dorothee Oberlinger sowie der bosnische Lautenist Edin Karamazov, der vor ziemlich genau 20 Jahren ein vielbeachtetes Dowland-Album mit Sting (!) herausbrachte.

John Dowlands Musik erklang auch an diesem Abend; dazu gleich mehr. Zunächst einmal war es sehr schön, dieses besondere Theater wieder zu betreten, das ich zuletzt vor zwei Dekaden anlässlich des Shakespeare-Festivals besucht hatte.
Der Geist Shakespeares waberte auch an diesem Donnerstagabend durch den Saal. Schließlich hat Dorothee Oberlinger, 2026 in Knechtsteden Artist in Residence, mit Traumstoff ihr künstlerisches Herzensprojekt verwirklicht. Zu hören waren Sonette und Monologe des Barden sowie Musik des 16. bis 20. Jahrhunderts (Luciano Berio, Leo Brouwer) und allerlei Improvisationen.
Vor der Blockflötistin liegt auf einem bemerkenswert schönen Schreibtisch ein ganzes Arsenal von Flöten jeder Größe. Zu ihrer Rechten sitzt Karamazov, ein Ruhepol, mit seinen beiden Instrumenten. Rechts von ihm sitzt Andreas Scholl auf einem Barhocker, vor sich ein Tablet. Alle Anderen haben Papiernoten vor sich, auch der Kanzlersohn, der wiederum links von Frau Oberlinger sitzt.
Wir erleben 75 intensive Minuten, während derer kein einziges Handyklingeln zu hören ist. Allerdings ist bedauerlich, wie viel während der Vorstellung gefilmt und fotografiert wird, trotz expliziter Verbotsschilder an den Eingängen.

Wenn Matthias Brandt Shakespeare liest, tut er das auf eine Weise, die einem diesen – heutzutage vermeintlich schwer zu verstehenden – Dramatiker und Dichter derart plastisch nahebringt und verständlich macht, dass man zuhause gleich zur Gesamtausgabe greifen möchte, um noch mehr Sonette zu lesen. Die kluge Auswahl aus den 154 vierzehnzeiligen Gedichten des Swan of Avon umfasst die gesamte conditio humana, von unbeschwerter Jugend und Vergänglichkeitsklagen bis hin zu den beiden großen Themen menschlichen Lebens, Liebe und Tod.
Brandt liest mal solo, mal wird er begleitet, dazwischen singt Scholl mit herrlicher Phrasierungskunst Lieder Dowlands und Anderer. Wie er etwa In Darkness Let Me Dwell stimmlich regelrecht formt, dabei Töne vibratolos beginnt und erst später im Crescendo mit leichtem Vibrato anreichert, das beeindruckt und geht unter die Haut.
Dorothee Oberlinger beweist einmal mehr, solistisch und im Zusammenspiel mit den Kollegen, was für eine große Virtuosin sie auf der Blockflöte ist, einem Instrument, das fürwahr oft gescholten und bis heute in manchem Kindergottesdienst malträtiert wird.
Heimlicher Star des Abends ist für mich jedoch der Lautenist. Edin Karamazov strahlt Ruhe und Bescheidenheit aus – die leise Demut jener, die nicht prahlen, sondern auszublenden imstande sind, wie gut sie ihre Kunst beherrschen. Wie er kaum wahrnehmbare Verzierungen einstreut, wie er dem mikrofonverstärkten Instrument sonore Basstöne entlockt – manchmal freilich übertönt die Laute die Flöte – und wie er uns foppt, indem er uns im Herbst von Vivaldis Vier Jahreszeiten gitarrenähnliche Klänge vortäuscht, das ist pure Wonne.
Der berühmte Monolog aus Wie es Euch gefällt – „All the world’s a stage“, also „Die ganze Welt ist Bühne“ – resümiert die „sieben Lebensalter des Menschen“. Matthias Brandt rezitiert das herrlich und erntet Lachen. Ein Höhepunkt des Abends.

Auch draußen können wir eine Art Kreislauf des Lebens hören. Ganz zu Beginn und kurz vor dem Ende gab es zwei laute Martinshorn-Einlagen. Auch das mag manch einen auf dem Heimweg zum Nachdenken über die Vergänglichkeit bewogen haben.
„Wir wollen Euch erfreuen an jedem Tag“, sangen zuletzt Oberlinger, Scholl und Brandt gemeinsam. Das ist an diesem einen Tag bestens gelungen. Viel Applaus und im Hinausgehen manches Schmunzeln.
Brian Cooper, 25. September 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at
CD/Blu-ray-Besprechung: Purcell, Dido & Aeneas klassik-begeistert.live, 16. Dezember 2025
CD-Besprechung: Purcell, Hail! Bright Cecilia klassik-begeistert.live, 2. Dezember 2025