Foto: La Calisto (c) Matthias Baus
Ein beglückender, ja triumphaler Theaterabend! Francesco Cavallis La Calisto wird im MusikTheater an der Wien zum funkelnden barocken Juwel voll Witz, Sinnlichkeit und musikalischer Raffinesse. Die Inszenierung verbindet die mythologische Welt des Stücks mit einer wunderbar lebendigen Bühnenpräsenz und lässt Cavallis Musik in all ihren Farben leuchten.
MusikTheater an der Wien, 21. September26
Francesco Cavalli, La Calisto
Orchester: l’Arpeggiata
Musikalische Leitung: Christina Pluhar
Inszenierung: Stefan Herheim
Bühne: Silke Bauer
Choreographie : Beate Vollack
Koproduktion mit der Staatsoper Unter den Linden, Berlin
von Dr. Charles E. Ritterband
Dieses musikalische Glanzstück des Barock blieb lange verschollen, jetzt ist es glorreich auf die Bühne des MusikTheaters an der Wien zurück gekehrt, in der aufwendigen und meisterhaften, von szenischen Einfällen geradezu überquellenden Inszenierung von Stefan Herheim, dem Intendanten dieses Theaters.
Temperament- und humorvoll, als Erotik-Komödie mit viel Tempo, doch mit Subtilität und Sinnlichkeit inszenierte Herheim.
1651 hatte die Oper, welche auf Ovids Metamorphosen beruht, in Venedig ihre Uraufführung – und scheiterte sogleich: nach nur 11 Aufführungen verschwand sie in der Versenkung, geriet in Vergessenheit, bis Raymond Leppard sie 1970 mit der kürzlich verstorbenen Ileba Cotrubas nach Glyndebourne holte. 23 Jahre danach nahm René Jacobs in einer denkwürdigen Produktion wieder auf.

Bühnenbild und eine ausgeklügelte Maschinerie, die an Barocktheater erinnert und atemberaubend schöne Effekte, wie der Sternenhimmel (zu dem ja Calisto – als Racheakt der glühend eifersüchtigen Juno – als Sternbild Große Bärin aufsteigt) und Junos rote Rachegötter ergänzen in ihrer Opulenz optisch die leichten, tänzerischen Rhythmen, welche an Cavallis großen Lehrmeister Monteverdi und dessen herrliche Madrigale erinnern.
Das Sängerensemble glänzt mit Höchstleistungen;. Die Stimmen besitzen Charakter und Persönlichkeit und machen die Figuren auch dort unmittelbar erfahrbar, wo die Handlung zwischen göttlichem Verlangen, Verwechslung und menschlicher Sehnsucht changiert. Die vokale Gestaltung überzeugt durch eine bemerkenswerte Verbindung von technischer Souveränität und emotionaler Unmittelbarkeit. Feinste dynamische Abstufungen, geschmeidige Koloraturen und eine ausgesprochen klare Diktion lassen den Text lebendig werden. Dabei steht nicht bloß die Virtuosität im Vordergrund: Jede Stimme trägt zur dramatischen Entwicklung bei und verleiht ihrer Figur ein eigenes Profil.
Gerade im Zusammenspiel entfaltet das Ensemble seine besondere Qualität. Duette und Ensembleszenen wirken nie wie bloße Aneinanderreihungen schöner Stimmen, sondern entwickeln einen geradezu kammermusikalischen Dialog. Leidenschaft, Ironie und Zärtlichkeit wechseln mit großer Selbstverständlichkeit – und immer bleibt die musikalische Linie gewahrt.
Virtuos und von großer stimmlicher Leuchtkraft die Titelfigur Calisto, hervorragend verkörpert von Vera-Lotte Boecker.

Jupiter in seiner stimmlich höchst anspruchsvollen Doppelrolle als Jupiter und, zwecks Verführung der Calisto, Diana mimend, wechselt brillant zwischen einem samtenen Bariton und kunstvollem Sopran.
Luciana Mancini verliebt sich in den Hirten Endimione, der als Countertenor agiert. Vielleicht kontrastierte Mancinis facettenreichen Mezzo allzu sehr in Kontrast mit der plötzlichen Sinnlichkeit ihrer Verliebtheit in den Hirten.

Als eigentlicher Protagonist dieses bemerkenswerten Abends glänzte das herausragende Originalklang-Ensemble l Arpeggiata unter der virtuosen Stabführung von Christina Pluhar. Cavallis farbenreiche Partitur wird mit großer stilistischer Sensibilität, hörbarer Spielfreude und tänzerischer Leichtigkeit zum Klingen gebracht. Die Musikerinnen und Musiker gestalten die Rezitative aufmerksam und flexibel, geben den Arien Raum und sorgen zugleich in den instrumentalen Passagen für jene feinen klanglichen Schattierungen, die die besondere Atmosphäre der venezianischen Oper ausmachen. Zwischen tänzerischer Leichtigkeit, sinnlicher Wärme und dramatischer Spannung entsteht ein Klangbild von großer Beweglichkeit.
Besonders schön ist dabei die Balance zwischen Bühne und Graben: Die Stimmen werden nie vom Orchester zugedeckt, vielmehr scheint die instrumentale Begleitung die Sängerinnen und Sänger förmlich zu tragen. So entsteht ein organisches musikalisches Miteinander, in dem jede Nuance hörbar wird.

La Calisto zeigt sich in Wien damit nicht als museales Barocktheater, sondern als lebendiges, überraschend modernes Musiktheater. Die Mischung aus Mythos, Erotik, Komik und menschlicher Verletzlichkeit besitzt eine unmittelbare Bühnenwirkung – und Cavallis Musik erweist sich als erstaunlich frisch.
Am Ende bleibt vor allem der Eindruck eines rundum gelungenen Abends: hervorragende Stimmen, ein inspiriert aufspielendes Orchester und eine Aufführung, die Cavallis Meisterwerk mit Lust, Eleganz und großer musikalischer Hingabe zum Leben erweckt.
Ein Abend, der nicht nur Kenner der Barockoper begeistert, sondern Lust darauf macht, diese faszinierende Musik wieder und wieder zu hören.
Dr. Charles E. Ritterband, 25. September 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at
Calisto: Vera-Lotte Boecker
Giove (Jupiter): Milan Siljanov
Giunone (Juno): Giuseppina Bridelli
Diana: Luciana Mancini
Endimione: Arnaud Glück
Mercurio/Il Destino: Renato Dolcin
Satirino: Jake Arditti
Pane: Juan Sancho
Francesco Cavalli, La Calisto – Live Mitschnitt Festival d’Aix-en-Provence, Juli 2025
L’Arpeggiata/Christina Pluhar, Elbphilharmonie, Großer Saal, 13. April 2022