130 Jahre Theater des Westens! Ein Fan schwelgt zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem

130 Jahre Theater des Westens!  Theater des Westens, 23. September 2026

Peter Plate und Ulf Leo Sommer © Ferran Casanova

2026 feiert eines der traditionsreichsten und schönsten Theater Deutschlands seinen 130. Geburtstag – unter dem Motto: “Die Bretter, die Berlin bedeuten.”

Der Hundertdreißigste ist kein runder, aber ein bemerkenswerter Geburtstag für ein Theater. Ein Fan schwelgt zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem.

von Ralf Krüger

Mit einem Märchen begann vor 130 Jahren die Geschichte eines Theaters. Und es grenzt schon an ein Wunder, dass dieses innen wie außen so prachtvolle Haus die Zeiten überdauert hat und noch immer seine Gäste als Theaterbesucher empfangen kann. Wie viel Geld für Renovierung und Erhaltung im Laufe der Jahrzehnte dafür in die Hand genommen wurde, mag man sich kaum vorstellen.

Am 1. Oktober 1896 eröffnete mit einer “Märchendichtung in fünf Bildern von Holger Drachmann” das Theater des Westens in Charlottenburg. Damals noch vor den Toren Berlins gelegen, aber schon mit der Postanschrift Kantstraße 12 versehen – so wie heute noch immer. “Tausend und eine Nacht” hieß das erste Programm und es folgte eine kunterbunte Mischung aus Operette, Revue und Oper und somit bestem Musiktheater für breite Schichten des Publikums.

Etwa seit Mitte der 1920-er Jahre gehörte das Haus zum Imperium der Brüder Fritz und Alfred Rotter – zwei schillernden Theaterdirektoren im Berlin jener Jahre, die vor allem mit ihren Operetten am Metropol-Theater Erfolge feierten. Populäre Inszenierungen, die sich noch gut verkauften, wanderten mitunter von einer Bühne der Rotter-Brüder zur anderen. Richard Tauber als Sou-Chong im “Land des Lächelns” feierte erst Triumphe am Metropol und brachte später auch Glanz und Starkult nach Charlottenburg.

Spätestens mit dem Ende des 2. Weltkrieges war damit Schluss. Der Theaterbau an der Kantstraße wurde zum Asyl für die ausgebombte Städtische Oper, die erst 1961 in einen Neubau an der Bismarckstraße zurückkehren konnte. Dieser war riesig und hypermodern und das Ensemble führte fortan den Namen Deutsche Oper Berlin.

Für das Theater des Westens begann in dieser Zeit ein gänzlich neues Kapitel seiner Geschichte. Am 25. Oktober 1961 fand ein vom Broadway beeinflusstes Genre des Musiktheaters endgültig seinen Weg an die Spree. Die deutschsprachige Erstaufführung von “My Fair Lady” muss für das West-Berliner Publikum der soeben geteilten Stadt von immenser Bedeutung gewesen sein. Die meisten Musiknummern mit der Erstbesetzung sind glücklicherweise in einer Schallplattenaufnahme konserviert worden. Sie ist heute noch als CD erhältlich. Das Musical mit seiner bunten und so faszinierenden Art, Theater zu erleben, ist vor 65 Jahren im Theater des Westens angekommen – und bis heute geblieben!

Wenn die Untoten zu Beginn der Nacht aus ihren Särgen und Gräbern steigen, wenn Graf von Krolock seine “Unstillbare Gier” – einer Opernarie gleich – der Finsternis entgegen schleudert, wenn sich die Gäste der nahen Spelunke reichlich mit Knoblauch versorgen und die jungen Leute sich nach der Freiheit da draußen sehnen, dann wird er geplant, gefeiert und zelebriert – der “Tanz der Vampire”. Mit dem schönsten Kontrast zwischen Grusel und Komik, den man sich als Betrachter nur wünschen kann.

Entwickelt wurde das Musical nicht am Broadway und nicht im Londoner West End, sondern in Wien. Ab 2006 war es endlich auch in Berlin, am Theater des Westens zu erleben. Der Sänger Thomas Borchert als Krolock feierte hier triumphale Erfolge und einen anderen Darsteller möchte ich mir in dieser Rolle gar nicht mehr vorstellen.

Die Geister der Vergangenheit sind immer noch da. Wer rechtzeitig im Theater erscheint, wenn alles noch ruhig ist, spürt, wie sie über die Stiegen und Gänge huschen. Manche Stars haben ihre Handabdrücke hinterlassen. Der Teppich im Foyer ist so grandios rot, vielleicht sogar blutrot. Die Fahrstühle, die großen Spiegel, die Kronleuchter und Lüster, selbst die Toiletten am Hochparkett wirken ein wenig antiquiert und aus der Zeit gefallen. Die Fassade, innen wie außen, huldigt noch den großen Theater-Barden ihrer Zeit. Doch im Haus wurde kräftig gelüftet. Ein frischer Wind des Wandels lockt neue Zuschauer an.

Am 1. Oktober 2026 feiert das Theater des Westens seinen 130. Geburtstag. Die Fans werden vorab mit Ticket-Offerten verwöhnt und im Netz gibt es eine Galerie mit Bildern und Plakaten von anno dazumal zu bestaunen. Und dann wird das Theater selbst mal überrascht: “Wir sind am Leben” – die aktuelle Produktion ist in 11 Kategorien für den Deutschen Musical Theater Preis nominiert. Die Verleihung findet am 16. November 2026 im Berliner TIPI am Kanzleramt statt und größter Konkurrent wird der “Schimmelreiter” sein – ein Mystery-Musical nach Theodor Storm vom Schlosstheater Fulda. (“Aschenbrödels Traum”, die von Axel Ranisch inszenierte Märchenoperette an der Volksoper Wien ist in 3 Kategorien nominiert.)

“Wir sind am Leben” ist die Krönung einer Reihe von neuen Musicals am Haus, die einer Popmusik huldigt, die generationsübergreifend gefällt und begeistert. Wer genau hinhört, erkennt in einigen Songs die Musik des Berliner Duos Rosenstolz wieder, deren Geschichte, wie die des Stückes, im Berlin der frühen Neunziger beginnt. Peter Plate und die inzwischen verstorbene AnNa R. genießen noch immer Kultstatus und ihre Fans pilgern heute nach Charlottenburg ins Musical.

Liebes Theater, Dein Hundertdreißigster ist kein runder, aber in diesen unruhigen Zeiten ein bemerkenswerter Jubeltag für ein Haus Deiner Größe und Bedeutung. Bald treffen wir uns im “Salon Rosie”. Ende Oktober ist Premiere.

Ich freue mich auf Steffi Irmen und Kathi Damerow, auf die Vorgeschichte von “Wir sind am Leben”.

Ja, das sind wir wirklich noch immer!

Ralf Krüger, 23. September 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at

“Wir sind am Leben” – Das Berlin Musical Theater des Westens Berlin, 19. Juli 2026

Musical: Romeo & Julia – Liebe ist alles Theater des Westens, Berlin, 13. Juli 2025

ELISABETH, Das Musical Theater des Westens, 6. März 2025

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert