Also sprach Zarathustra – ein Urknall!

Frank Peter Zimmermann Violine, Marko Letonja Dirigat  Bremer Konzerthaus Die Glocke, 21. September 2026

Marko Letonja © Hannes von der Fecht

1. Philharmonisches Konzert

Der „Urknall“ muss noch etwas warten: Das Konzert startet mit Anton Weberns Passacaglia op. 1 mit einer Reihe sehr zarter, wenngleich nicht immer gänzlich synchron ausgeführter Pizzikatos. Flöte, Trompete und Klarinetten fügen sich ein in das zunächst noch ruhige, dann zunehmend komplexer, aufwühlender, lauter werdende Geschehen. Die insgesamt 23 Variationen des Eingangsthemas bleiben als solche mehr oder weniger gut erkennbar – am ehesten noch in den lyrischen Anteilen mit hervorleuchtenden solistischen Partien, weit weniger in den auf maximalen Tutti-Tumult setzenden Sequenzen.

Bremer Konzerthaus Die Glocke, 21. September 2026

Anton Webern   Passacaglia op. 1
William Walton  
Violinkonzert
Richard Strauss   
Also sprach Zarathustra op. 30

Frank Peter Zimmermann   Violine
Marko Letonja   
Dirigat
Die Bremer Philharmoniker

Bremer Konzerthaus Die Glocke, Großer Saal, 21. September 2026

von Dr. Gerd Klingeberg

Es sind Stimmungswechsel auf engstem Raum, mit einer Auslotung der gesamten dynamischen Bandbreite des groß besetzten Orchesters. Kurz gesagt: eine schier atemberaubende, auf kaum mehr als zehn Minuten gestauchte Präsentation nahezu sämtlicher orchestraler Qualitäten, die die Bremer Philharmoniker unter der Leitung ihres Chefdirigenten Marko Letonja bravourös absolvieren. Die allmählich abebbenden Klangstrukturen enden mit einem letzten verhaltenen Bläserakkord.

Grandioses ausgeführte Gegensätze

William Waltons einziges Violinkonzert beginnt mit einer berückend sanglichen Melodie. Solist Frank Peter Zimmermann spielt sie mit samtweichem Ton und reichlichem Vibrato. Wer hinsichtlich des angegebenen „tranquillo“ mit dahinplätscherndem Schmuse-Sound gerechnet haben mag, wird indes schnell eines anderen belehrt; denn Violinist und Orchester setzen auf markante Ausprägung. Die Solostimme erfordert dabei erkennbar allerhöchste geigerische Ansprüche, die Zimmermann indes mit stupender Spieltechnik überzeugend erfüllt.

Hans Peter Zimmermann © Irène Zandel-Haenssler

Dass im Publikum nach dem ruhig verklingenden Kopfsatz applaudiert wird (was jedoch erfreulicherweise vom Dirigenten mit einem kurzen Blick nach hinten schnell beendet wird), vermindert leider den starken Kontrast zum scharf attackierenden Mittelsatz. In mitunter jähen Stimmungswechseln bei maximal forcierten Metren scheinen sich die Philharmoniker und der Geiger gegenseitig zu Höchstleistungen anzutreiben. Die teils folkloristische Note unterstreicht Zimmermann mit leicht saloneskem, mit hörbaren Lagenwechseln aufgehübschtem Strich. Ausgedehnte Doppelgriffpartien fiedelt er ungeachtet wahnsinnig aufgedrehter Tempi locker und pointiert, ergeht sich aber zwischenzeitlich in salbungsvoll dargebotenen Intermezzos.

Derlei starke Gegensätze bestimmen auch den Schlusssatz. Mal geht es mit Emphase zur Sache, dann wiederum singt die Geige im allerhöchsten Diskant vor quirlig gründelndem Hintergrund, um schließlich deutlich akzelerierend den fulminanten Schlusssprint einzuleiten.

Nach dem aufbrausenden Schlussbeifall begeistert Zimmermann das Auditorium mit einer weiteren violinistischen Meisterleistung: Bei seiner subtil interpretierten, blitzsauber intonierten Darbietung von Johann Sebastian Bachs „Französischer Ouvertüre“ (Satz 1 aus der 5. Suite für Solo-Cello) kann man den wunderschönen Klang seiner Stradivari „Lady Inchiquin“ in Gänze auskosten.

Effektvoller Sonnenaufgangs-Urknall

Die zweite Konzerthälfte wird eingeleitet vom unterschwellig grummelnden, wie mystisch anmutenden Orgeltiefbass; ein anfangs noch fast vorsichtiges Trompetensignal setzt ein, wird von heftigen Streicherakkorden und Paukenschlägen beantwortet, brandet in zweiter und dritter Wiederholung zunehmend auf zu gleißendem Fortissimo – ein „Urknall“, genauer gesagt: ein unvergleichbarer Sonnenaufgang par excellence. Es ist das vielleicht effektvollste und bekannteste Intro der Musikgeschichte, eines mit Gänsehaut-Garantie.

Bremer Philharmoniker © Hannes von der Fecht

Die folgenden Abschnitte des Werkes, bei dem sich Strauss von den philosophischen Ansichten Nietzsches leiten ließ,  lassen sich anhand der Überschriften recht gut nachverfolgen. Die „große Sehnsucht“ kommt in schmachtenden, eiderdaunig flauschigen Klängen zum Ausdruck; „Freuden und Leidenschaften“ spiegeln sich wider im temperamentvoll stürmischen, kaum noch steigerbaren Orchester-Fortissimo, bei dem Letonja mit seinem Dirigat erfolgreich mehr und mehr Einsatz fordert. Eine eigentümlich düstere Atmosphäre verbreiten die tiefen Streicher beim „Grablied“; mitreißend munterer Walzerschwung mit ironischer Note bestimmt dagegen das „Tanzlied“.

Die gerade auch für eine angemessene Interpretation dieses Werkes erforderliche große Wandlungs- und Ausdrucksfähigkeit des Orchesters überzeugt bei jedem einzelnen Abschnitt aufs Neue. Auch beim finalen „Nachtwandlerlied“, das mit seinen changierenden Harmonien so etwas wie ein großes Fragezeichen, ein ungelöstes Grübeln nach dem ureigensten Sinn allen Daseins hinterlässt. Und genau dies dürfte Strauss wohl auch beabsichtigt haben.
Für lange Momente herrscht absolute Stille im Saal; dann bricht frenetischer Beifall los.

Dr. Gerd Klingeberg, 22. September 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at

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Musikfest Bremen: Spätromantische Geniestreiche, María Dueñas, Violine Bremer Konzerthaus Die Glocke, 31. August 2026

Daniels Anti-Klassiker 20: Richard Strauss – Also Sprach Zarathustra (1896) klassik-begeistert.live, 5. September 2026

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