Zwischen den Sätzen 9:  Ein Konzert wie ein Typhon, Vater der Monster

Zwischen den Sätzen 9:  Andris Poga, NDR Elbphilharmonie Orchester  Elbphilharmonie, 5. November 2026

NDR Elbphilharmonie Orchester
Andris Poga  Dirigent © Marc Ginot
Daniel Müller-Schott Violoncello

Sergej Prokofjew  Sinfonisches Konzert für Violoncello und Orchester e-Moll op. 125
Dmitri Schostakowitsch  Sinfonie Nr. 4 c-Moll op. 43

Elbphilharmonie, Großer Saal
Hamburg, 5. November 2026

 von Jörn Schmidt

In der griechischen Mythologie ist Typhon aka Typhoeus ein furchterregendes Ungeheuer. Er wird daher gerne „Vater der Monster“ genannt. Als Sohn der Urgöttin Gaia sollte er dem mächtigen Zeus zeigen, wo der Barthel den Most holt. Weil das trotz anfänglicher Erfolge nicht so recht gelingt, wird er ziemlich wütend und findet ein neues Geschäftsmodell – er wähnt sich zuständig für zerstörerische Stürme. Tropische Wirbelstürme firmieren daher heutzutage als Taifun. Wenn man so will, endet Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 4 ganz nach Typhons Geschmack – zunächst türmen sich gigantische Klangmassen auf, bevor das Werk in einer gespenstischen, leisen c-Moll-Stimmung erstirbt. Das ist ein Statement, die Ruhe nach dem Sturm hinterlässt eine gähnende Leere: Was eben noch triumphal klang, erweist sich als größtmöglicher Zusammenbruch.

Klangtaifun – Da drängt es sich regelrecht auf, diesen Kontrast mit größtmöglicher Wucht herauszuarbeiten.  Der choralartige Block muss also ohne Wenn und Aber wie Typhon grobschlächtig über das Publikum hinwegfegen? Nun, das ist nicht wirklich verkehrt, führt aber schnell zum Verlust der musikalischen Linie und das gewünschte Ergebnis verkäme zur Karikatur. Typhon wird dann schnell zum Trampel wie Fasolt und Fafner.  Was bleibt, ist Effekthascherei.

Typhon schwebt – Nicht so bei Andris Poga, er verleiht Typhon klangliche Flügel – der Zusammenbruch kommt elegant und schwebend um die Ecke.  Die Bestürzung, die bleibt, hallt umso länger nach. Denn dadurch, dass die klangliche Brutalität leichtfüßig erscheint, mag man gar nicht glauben, dass das übel enden könnte. Umso grausamer ist dann das böse Erwachen.

Wie macht Poga das – Im Grunde nutzt Poga dabei einen uralten psychologischen Trick, den Bruch mit der Erwartungshaltung. Aber wie lässt man derlei brachiale Klangmassen schweben? Mitnichten, indem man leise spielen lässt – Poga fordert vom NDR Elbphilharmonie Orchester alles an Dezibel, was der Große Saal der Elbphilharmonie hergibt. Sondern indem man betont, was dem Klang Licht und Glanz verleiht und ziemlich obertonlastig spielen lässt. Zur Freude von Harfen, Klarinetten, Flöten, Schlagwerk usf.

Im Auge des Taifuns – Dieses Rezept hat schon bei Sergej Prokofjews Sinfonischen Konzert für Violoncello und Orchester bestens funktioniert, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Poga weiß, dass das Orchester kompositorisch ohnehin Herr im Ring ist – Mstislaw Rostropowitsch nannte das Werk daher ein Monster, mit dem der Solist ringen muss. Um Daniel Müller-Schott in diesem vermeintlich ungleichen Kampf eine Chance zu geben, tönte Poga das Orchester dunkler ab – Sanglichkeit, Phrasierung und Energie des Solisten begannen dadurch mehr zu leuchten. Müller-Schott im Auge des Taifuns …

Ein Konzert wie ein Typhon.

Jörn Schmidt, 6. November 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at

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