Gramola Ikonen entpuppen sich als Essenz des Kanons der klassischen Schallplatte

CD GRAMOLA IKONEN 13-15 Strauss, Heifetz, Gershwin  klassik-begeistert.live, 30. September 2026

CD Reihe GRAMOLA IKONEN

Die neue Tranche der Gramola Ikonen (Ausgaben 13–15) umfasst legendäre Aufnahmen von Richard Strauss, Jascha Heifetz und George Gershwin

Wie sehr es nötig ist, den Fokus und die Aufmerksamkeit auf diejenigen Aufnahmen zu richten, die künstlerisch und klangtechnisch Maßstäbe für die Ewigkeit gesetzt haben, wird schon deshalb klar, weil heute völlig andere Kriterien der Musikindustrie, vorrangig rein ökonomischen Zuschnitts, gelten. Die den Großteil des Geschäfts bestreitenden Streaming Plattformen sowie Social Media-Logiken geben vorrangig den Takt vor: Hauptsache leicht genießbar, hübsch und in mundgerechten Häppchen angerichtet, mit immer neuen „Stars“ der Mode der Stunde, die oft so rasch verschwinden, wie sie uns angedient werden.

von Dr. Ingobert Waltenberger

Dagegen hält Gramola Ikonen mit der Erinnerung an und der Promotion von ausgewählten Aufnahmen vorrangig der 50-er und 60-er Jahre. Zu einer Zeit, wo man sich noch für längere Zeit ins Studio begab, anstatt huschpfusch alles live mitzuschneiden, was sich nicht auf eins, zwei auf den nächsten Baum retten kann. Wo sich das Publikum noch auf jede Neuerscheinung freute und sie innigst herbeisehnte, wie das heute nur noch für die brandneuesten Editionen von Videospielen und Mobiltelefonen gilt.

Kurz und gut. Bei den gar nicht genug zu lobenden Gramola-Ikonen handelt es sich ausschließlich um Modellaufnahmen, in jeder Hinsicht vital bis zum Anschlag, in vielen Sitzungen sorgfältigst erarbeitet und editiert. Und gerade aktuell relevanter denn je als goldener Kodex der Plattengeschichte sowie als verlässlicher Interpretationsleitfaden. Diese Muster einer Klangästhetik wurde von einer Elite an Tontechnikern betreut, die sich nicht nur als fortschrittsbesessene Experimentiere, sondern auch als profunde Musiker verstanden.

ROSENKAVALIER Karajan 1956, GI-13

Und da kommen wir schon zu Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“ in der bis heute unübertroffenen Aufnahme aus dem Jahr 1956, die dieses Jahr ihren 70. Geburtstag feiert. Mit von der Partie Herbert von Karajan am Pult des Philharmonia Orchestra & Chorus, dem Mitte der 50-er Jahre nicht nur Klang, sondern auch eine theatralische, bühnenbezogene Atmosphäre wichtig war.

Unter Aufsicht des berühmt-berüchtigten Walter Legge, gestrenger Produzent und Ehemann der Marschallin Elisabeth Schwarzkopf, begab man sich vom 10.-22. Dezember 1956 in die Londoner Kingsway Hall, wo außer der von Gramola gewählten Mono Aufnahme gleichzeitig in einem eigenen Raum Christopher Parker eine Stereo Test-Aussteuerung mit zwei Mikros Neumann M49 (für den Chor waren zwei weitere Mikros vorgesehen) versuchte. Das frühe Stereo-Ergebnis fiel in den rein instrumentalen Passagen verblüffend räumlich, weit und brillant aus, während das überhaupt nicht im selben Maß für die Stimmen und noch weniger für die Balance von Orchester zu Stimmen galt, weil „die Positionen und die Aussteuerung der Sänger unter der Regie des Mono-Aufnahmeteams“ (Walter Legge, Douglas Larter) stand. Nur zu verständlich, dass unter diesen Auspizien auch Frau Schwarzkopf noch Mitte der 1990-er Jahre die Mono Version mit ungemein plastisch hervortretenden Sängerinnen und Sängern bevorzugte.

In der nun wieder zugänglichen Mono-Fassung hört man wirklich Hofmannsthal und Strauss auf einzigartiger Augenhöhe. Wie überragend die damalige Besetzung von der aus meiner Sicht mit der wort- und klangfarbensouverän jonglierenden Elisabeth Schwarzkopf als modernster aller Marschallinnen, Christa Ludwig als überaus vokal fleischigem Oktavian, Teresa Stich-Randall als Sophie, Otto Edelmann als Hallodri Baron Ochs von Lerchenau, der wahrlich authentische Eberhard Wächter als Herr von Faninal und die silbrig luxuriöse Ljuba Welitsch als Leitmetzerin Marianne, nicht zu vergessen Nicolai Gedda als vollendeter Tenor dramaturgisch Text mit Klang und sängerischem Ausdruck verschmolzen, ist ein Wunder.

Dazu trug der junge Karajan mit einer dicht drängenden, sehnig schlanken, gerade in den Mittelstimmen, im Holz detailreich artikulierten wie von großem Bogen beseelten Orchesterkultur entscheidend bei. Und Elisabeth Schwarzkopf? Mit dieser Aufnahme und nach der Eröffnung des Großen Festspielhauses in Salzburg (wo Lisa della Casa die Marschallin sang) dem mit ihr besetzten Rosenkavalier-Film wurde sie zur Inkarnation der Marschallin, wie die Callas das als Violetta Valéry („La Traviata“) oder die Welitsch als Salome war und ist.

Aus meiner Sicht völlig zu Recht, denn das erotisierende Philosophikum „Rosenkavalier“, in dem es um klugen Verzicht, die Vorahnung des Verlusts sexueller Attraktivität und gesellschaftlich um eine köstliche wienerische Maskerad’ geht, hat in der Kunstfigur der Marschallin mit der Schwarzkopf die optisch mondänste wie stimmlich ausgefeilteste Vertreterin gefunden. Dass Karajan später diese ideale Verkörperung der Rolle unter Hinweis auf seine spätere Einspielung mit Anna Tomowa-Sintow 1983/84 in Frage stellte, ist ein eigenes unschönes Kapitel für sich.

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JASCHA HEIFETZ Violinkonzerte Beethoven/Brahms, GI-14

Die 14. der neu vorgestellten Gramola-Ikonen bringt eine Reminiszenz an den Geiger Jascha Heifetz. Auf ihrem Album „Homage to Heifetz“ würdigte erst kürzlich die spanische Geigerin María Dueñas mit dem Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela unter Gustavo Dudamel Jascha Heifetz im Sinne einer Inspiration für ihr eigenes Künstlertum. Obwohl technisch künstlerisch ganz anders gestrickt, hat Dueñas die Aufmerksamkeit des Publikums wieder auf Heifetz gelenkt. Dank Gramola kann man den Grund dieser Verehrung nunmehr erneut leicht nachvollziehen.

Und zwar anhand des im November 1955 in Boston aufgenommenen Violinkonzerts in D-Dur, op. 61 von Ludwig van Beethoven mit dem Boston Symphony Orchestra unter der musikalischen Leitung von Charles Munch und dem im Februar 1955 in Chicago aufgenommenen Violinkonzert in D-Dur, op. 77 von Johannes Brahms mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Fritz Reiner. Produziert von John Pfeiffer ist auch hier die minutiöse Abmischung zwischen Orchester und Solisten zu bewundern. Wer Heifetz als Vertreter einer künstlerischen Spezies verstehen will, seine astrale Leichtigkeit im Ton, die konkurrenzlos virtuosen Verzierungen und die Perfektion seiner Intonation, der muss sich nur das „coole“ Foto auf dem Cover der Gramola Edition ansehen, auf dem er wie ein Hollywood Star keck ironisch bis huldvoll dem Betrachter zuwinkt.

Nichts klingt bei Heifetz prätentiös oder auf demonstrative „Da schau her“ Manier gespult. Im Gegenteil: Aus seiner Art des Musizierens spricht eine Selbstverständlichkeit im Handwerk wie im Metaphysischen. Alles an dem künstlerischen Ergebnis ist nobel, der schlanke bewegliche Geigenton, die antikisch klaren Proportionen, die mit musikantischer Lust gemalten Phrasen und melodischen Linien, der kernig stählerne Klang des Instruments. Das entscheidende an Heifetz ist für mich persönlich: Alles, was er werklich anfasste, ward zu klanglichem Licht. Nie war ‚dolce‘ hauchzarter und griffiger zugleich als bei Heifetz. Besonders das Beethoven Konzert aus dem Jahr 1806 profitiert von diesen Tugenden, die er noch mit einer von ihm selbst revidierten Kadenz seines Lehrers Leopold Auer adelte. Mit welcher fast schon unverschämten Bravour er das Rondo/Allegro des Beethoven Konzertes spielt, läuft auf eine völlige Aufhebung aller Gesetze der Schwerkraft hinaus. Unbeschreibbar! Das sollte man einfach einmal gehört haben.

Dass dieser Selbstdisziplin als wesentliches Attribut seines Charakters privat gelegentlich ein sonderlicher Nerd, ein Kontrollfreak entgegenlugte, aber ihr Träger auch ein humoriger Kauz war, darf als Ausfluss eines ganz auf Perfektion ausgerichteten Lebens gelten. Hierin ähnelt er übrigens – nicht zuletzt in der Art zu unterrichten – nicht unwesentlich unserer Marschallin von vorhin, Elisabeth Schwarzkopf.

In seiner Art, sich musikalisch ohne Pathos, geschweige denn in oberflächlich schrillem Gehabe auszudrücken, traf er sich nahtlos mit den beiden Dirigenten des Albums, Charles Munch und vielleicht noch intensiver mit Fritz Reiner. Mit letzterem nahm er an nur zwei Tagen, am 21. und 22. Februar 1955 für RCA Victor unter der Aufsicht des Toningenieurs Lewis Layton das „Brahms Konzert“ auf. Wie nicht anders zu erwarten, baut die Exzellenz dieser Interpretation auf Präzision, eine schneidend klare Rhythmik, und besonders auf ein hitziges, unter Hochspannung stehendes Miteinander im von den Tempi her ganz schön wirbelnden musikalischen Fluss.

Was mir an Heifetz besonders gefällt, ist sein sparsamer und bewusst konzentrierter Umgang mit Vibrato und Rubati. Der Ton springt sofort an, ist ungemein modulationsfähig, ohne je auf Kern und Biss zu verzichten. Wenn man so will, ist dies die antiromantischste aller vorstellbaren Versionen. Wenn man allerdings romantisch auf das Vorhandene beschränkt, ohne noch etwas aufgesetzt hinzufügen zu wollen oder zu müssen denkt, handelt es um die passionierteste und elektrisierendste aller Lesarten des Violinkonzerts von Brahms. Die unglaublich anspruchsvolle Kadenz stammt bei dieser Aufnahme nicht von Joseph Joachim, sondern von Heifetz selbst. Wie wunderbar und gefühlvoll Heifetz sein Instrument singen lassen konnte, kann im Adagio auf das schönste abgelauscht werden. Der Hörer meint, in direkte, unverbrüchliche Komplizenschaft mit dem Solisten zu treten. Magisch!

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GEORGE GERSHWIN: Bernstein, Ella Fitzgerald, Louis Armstrong, GI-015

Als dritte Neuerscheinung wird uns Musik von George Gershwin üppig zelebriert, temperamentvoll und klangtechnisch atemberaubend angeboten. Neben der jazzig lässigen „Rhapsody in Blue“ und dem großstadttrippelnden „An American in Paris“ mit dem Columbia Symphony Orchestra bzw. den New Yorker Philharmonikern unter der hup-tutenden musikalischen Leitung von Leonard Bernstein, sind ganz besonders die von Norman Granz produzierten Ausschnitte aus „Porgy and Bess“mit Ella Fitzgerald und Louis Armstrong von Interesse.

Letztere wurden 1957 in Los Angeles auf Band gebannt. Nach einem Libretto von Edwin DuBose wird in der Oper „Porgy and Bess“ das Schicksal verschiedener wenig glückvoller Menschen in der Catfish Row von Charleston inkl. der Liebesgeschichte des titelgebenden Paars erzählt. Einen Sonderfall abseits großer Opernstimmen stellt das Jazz Arrangement dar, das Ella Fitzgerald, Louis Armstrong (als Sänger und Trompeter) sowie Russell Garcia & His Orchestra als legendäre Ausführende ausweist. In elf Nummern (die Ouvertüre und drei Titel fehlen) sind Highlights von „Summertime“ über „Bess, you is my woman now“, „It ain’t necessarily so“ bis zu „A woman is a sometime thing“ und „Oh Lawd, I’m on my way“ vertreten.

Ist es übertrieben, Ella Fitzgeralds Stimme als eine der pursten, himmlisch schwebend schönsten der gesamten Tonträgerhistorie zu bezeichnen? Als unerhörtesten Kontrast dazu gibt Armstrong mit seinem bärig-brummig rauen Bass ein humanes Ebenbild auf einer völlig anderen Ebene ab. Beide treten ihrem Publikum als musikalisch harmonisch kommunizierende Gefäße von lyrisch geschmeidig bis zu Glaspapier-rauchig entgegen. Zurücklehnen, den Alltag vergessen und genießen!

Fazit: Die neue Tranche der Gramola-Ikonen ist stilistisch vielfältig wie noch nie. Immer mehr zeigt sich der urgründliche Animo der Schöpfer der Reihe, eine Schallplatten-Ära auferstehen zu lassen, in der sich für ihre Sache glühende Produzenten, exquisite Techniker, wissende Arrangeure und individuell profilierte Künstler zusammenfanden, um musikalische Gesamtkunstwerke unverwechselbaren Zuschnitts für alle Ewigkeit zu erarbeiten. Zudem fällt wieder einmal das liebevolle Artwork der Covergestaltung dieser konsumentenfreundlich preiswerten Serie auf.

Dr. Ingobert Waltenberger, 30. September 2026, für
klassik-begeistert.live und klassik-begeistert.at

Ferdinand Hérold, Zampa ou La Fiancée de marbre, Bru Zane klassik-begeistert.live, 6. September 2026

Alessandro Scarlatti, Cantate da camera, Vol. 2  klassik-begeistert.live, 23. Juni 2026

Samuel Barber, Vanessa, National Symphony Orchestra klassik-begeistert.live, 18. Juni 2026

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